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HAZ-Artikel

Im Lindener Netzwerk gEMiDE engagieren sich 350 Migranten bei Nachhilfe, in Sprachkursen und Besuchsdiensten

Es gibt viele Mädchen, die die elfte Klasse der gymnasialen Oberstufe besuchen, aber nur wenige, die diese Tatsache so stolz macht wie Gonca und Gökce. Die 16-jährigen Zwillinge wollen unbedingt ihr Abitur machen, Gonca will Innenarchitektin werden, Gökce Lehrerin. Es ist nicht lange her, da hatten die Lindenerinnen noch andere Pläne. Friseurin war ihr Traumberuf, die Möglichkeit zu studieren zogen sie nicht in Betracht.

Dass sich ihre Sichtweise geändert hat, dass Gonca und Gökce selbstbewusst mitten im Leben stehen und wissen, dass es für Frauen wesentlich mehr Berufsperspektiven gibt als Strähnchen zu färben und Haare zu föhnen, daran hat Hülya Feise entscheidenden Anteil. Die 36-jährige Türkin hat im Jahr 2002 ein Projekt ins Leben gerufen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, das gesellschaftliche Engagement von Migranten durch ehrenamtliche Tätigkeiten zu fördern und so ihre Integration und Gleichberechtigung zu erreichen.

350 Migranten engagieren sich heute in dem in Linden-Nord angesiedelten Netzwerk, das den Namen Gesellschaftliches Engagement von Migranten und Deutschen, kurz gEMiDe, trägt. Sie kommen aus Russland, aus der Türkei, Sri Lanka und Griechenland, aus Spanien, Aserbaidschan und der Ukraine. Sie geben Schülern Nachhilfe, Neuankömmlingen Sprachkurse, sie besuchen ältere Deutsche, gehen für sie einkaufen oder begleiten sie zum Arzt. „Einige unserer Mitarbeiter erleben erstmals, dass es in einem deutschen Haushalt auch nicht viel anders aussieht als in ihrem eigenen“, beschreibt Feise die Annäherung, die durch den ehrenamtlichen Einsatz entsteht.

Feise selbst ging es nicht anders, als sie nach Deutschland kam. Sie beherrschte die Sprache nicht, kannte niemanden. „Ich suchte den Kontakt zu Deutschen, wollte dabei aber nicht als Migrantin toleriert, sondern als Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden“, sagt die Sozialarbeiterin über ihre Motivation, ein Ehrenamtsnetzwerk für Migranten zu gründen. Auch wenn Feise noch immer jedes Jahr um finanzielle Mittel für ihr Projekt kämpfen muss, so hat es sich doch etabliert. Die Stadt finanziert eine halbe Stelle, die Volkshochschule trägt die Mietkosten für die Räume in der Elisenstraße. Und auch die Auszeichnungen können sich sehen lassen: gEMiDe siegte beim bundesweiten Integrationswettbewerb „Bürger für Bürger“, wurde für den Deutschen Präventionspreis nominiert und vom Bundespräsidenten im Wettbewerb zur Integration von Zuwanderern ausgezeichnet.

Gonca und Gökce kennen gEMiDe schon seit Kindertagen. Damals machte ihre Mutter hier einen Deutschkursus, später dann erhielten die Mädchen Nachhilfe. Heute kommen sie ein paarmal in der Woche vorbei, um ihren geliebten Bollywoodtanz zu proben und selber Nachhilfe zu erteilen. 25 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren stehen jeden Nachmittag vor der Tür, um Vokabeln zu pauken, ihre Hausaufgaben zu erledigen und Diktate zu üben. „Uns hat man hier sehr geholfen. Davon möchten wir etwas zurückgeben“, sagt die 16-jährige Gamze, eine Freundin Goncas und Gökces, die sich ebenfalls auf ihr Abitur vorbereitet.

Neben Hülya Feise und ihrem Mann Eric gehören Albert Broytman und Gülsen Demir zu den tragenden Säulen des Projekts. Broytman stammt aus der Ukraine. Er kam vor acht Jahren mit seiner Familie nach Hannover und fühlte sich isoliert. „Ich wollte Kontakt, etwas Sinnvolles tun und meine Sprachkenntnisse verbessern“, sagt der 51-Jährige. gEMiDe kam wie gerufen. Der studierte Physiker hilft Kindern, wenn sie in Mathe Probleme haben. Vor allem mit Ferhat versteht sich der Vater eines erwachsenen Sohnes gut. Die beiden lösen nicht nur rechnerische Probleme, sondern klönen auch über Fußball und den Bau von Flugzeugen. „Albert ist klasse, er ist immer für mich da“, erzählt der Zwölfjährige glücklich.

Netzwerk gEMiDe,  Telefon (05 11) 8 97 35 40

Quelle: http://www.haz.de/Hannover/Serien/Mit-Herz-und-Hand/Integration-durch-ehrenamtliches-Engagement

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